Nix ist G.u.T… Drucken
Mittwoch, den 18. Oktober 2017 um 13:05 Uhr

Engin Eroglu ©Archivfoto: privat | nhSCHWALMSTADT. Der Gewerbe- und Tourismusverein (G.u.T) der größten Stadt, mit der größten Kaufkraft und dem höchsten Einzelhandelsumsatz im Schwalm-Eder-Kreis sowie einer nicht unerheblichen Anzahl an Tages- und Mehrtagesgästen, steht möglicher Weise vor dem Aus.

Ein neuer Vorsitzender wurde nicht gefunden, weil – zumindest gestern Abend - niemand dafür kandidieren wollte. Die Neuwahlen wurden von den etwa 25 anwesenden Mitgliedern einmütig aus der Tagesordnung gestrichen und damit – vorerst – die Führungslosigkeit verhindert.

Nächster Versuch am 21. November

„Ich lade für den 21. November 2017 zu einer weiteren Mitgliederversammlung ein“, kündigte der bis dahin noch amtierende Vorsitzende, Engin Eroglu, an. Wenn sich dann erneut niemand findet? Dann gibt es noch eine zweite Einladung, satzungsgemäß mit einem einzigen Tagesordnungspunkt: der Auflösung des Gewerbe- und Tourismusvereins G.u.T. Er habe in der Situation um das tragische Ausscheiden von Gerald Näser für zwei Jahre zugesagt und diese Zeit sei jetzt um, so die Erklärung von Engin Eroglu.

Gerade drei Jahre ist GuT alt. Ein Meilenstein im Stadtmarketing sollte es sein, als sich 2014 die Gewerbevereine von Treysa und Ziegenhain auflösten und zusammen mit der Stadt Schwalmstadt, die ihre touristischen Aktivitäten hier einbringen wollte, den neuen Gewerbe- und Tourismusverein gründeten. Die finanziellen Mittel der Stadt zur Tourismusförderung wurden neu definiert, um einen Stadtmanager einstellen zu können. Eigentlich begannen an diesem Punkt bereits die Probleme.

Halbe Sachen und alte Hüte?

Der geschäftsführende Schatzmeister, Thomas Kölle, stellte sinnstiftend fest: „Wir haben keine Wählscheibe mehr, sondern eine andere Zeit.“ In der Tat, denn im Zeitalter von Internet, Online-Shopping, Online- und Direktmarketing, Online-Preisvergleichen und Online- Qualitäts-Checks sowie zunehmend professionellem Citymarketing in vergleichbaren Einkaufsstädten, ist ein professionelles, vorausschauendes und innovatives Stadtmarketing überlebenswichtig. Wenn der Online-Handel Verbraucherdaten statistisch auswertet und in Echtzeit mit seinen Kunden kommuniziert, kann eine Stadt kaum mit Gesprächsrunden und Rundschreiben dagegenhalten.

Während die in der Kaufkraftbindung erfolgreicheren Städte – wie z.B. Fritzlar – zumeist den Weg gehen, sich in einem Stadtmarketingverein zusammen mit Handel, Dienstleistung und Handwerk zu engagieren und dort subsidiär eine Geschäftsführung zu finanzieren, haben die politischen Gremien in Schwalmstadt entscheiden, das besser zu können und den Stadtmanager seitens der Stadt einzustellen. Der neue Verein war von diesem Moment an weitgehend sich selbst überlassen. Der Stadtmanager bekam kein echtes Budget und sollte in dieser Konstruktion möglichst viele Wunder vollbringen.

Die Signale kamen früh: Der erste Schwalmstädter Stadtmanager, Alexander Dupont, konnte als Mitarbeiter im öffentlichen Dienst nicht offiziell für G.u.T sprechen. Vorstandsmitglied und Steuerberater Matthias Otte stellte fest, dass die Buchführung in einem umsatzsteuerpflichtigen Verein den Rahmen eines ehrenamtlichen Engagements sprengt. Kassenchef Thomas Kölle signalisierte früh, dass Umsatzsteuervoranmeldungen nicht nebenbei zu erledigen seien, gab sein Vorstandsmandat einen Tag vor Duponts Kündigung als Stadtmanager auf und führt die Kasse seitdem allerdings pflichtbewusst weiter, weil inzwischen alle Steuerberater und angesprochenen möglichen Nachfolger ablehnten oder aus persönlichen Gründen ablehnen mussten.

Karosserie ohne Motor

Eine Situation, die Engin Eroglu mit Blick auf die dennoch geordneten Finanzen des Vereins mit der Feststellung zusammenfasste: „Wir haben einen Oberklassewagen mit intakter Karosserie aber ohne Motor.“

Der neue Verein, eben größer als die alten Vereine HGV Treysa und GV Ziegenhain, ist aber unter der Voraussetzung entstanden, dass die Stadt unterstützt, die schließlich jahrelang auf den Zusammenschluss gedrängt hat. Ohne einen neuen Stadtmanager und mit Verzicht auf professionelle Strukturen, wird die Arbeit im GuT aber kaum sinnvoll möglich sein. Der noch amtierende Vorstand habe dem Magistrat nach der Kündigung Duponts die Situation geschildert und schriftlich nach einer Lösung angefragt. Er habe zudem darum gebeten, dass der Bürgermeister – laut Satzung sowieso automatisch mindestens stellvertretender Vorsitzender – den Vorsitz übernimmt. Ein Brief, auf den auch nach Monaten noch keine Antwort vom Magistrat erfolgte. Warum, konnte auch Bürgermeister Stefan Pinhard nicht erklären: „Wir machen Notfallmanagement, ich habe einen Mitarbeiter der Stadt für die Organisation der Feste abgestellt.“

Magistrat und Bürgermeister spüren wenig Verantwortung

Dass der Bürgermeister Vorsitzender wird? Die Auffassung Stefan Pinhards, „der Vorsitzende muss Gewerbe im Blut haben“, deckt sich mit einem Magistratsbeschluss aus dem Jahr 2016, also noch vor seiner Amtszeit, wonach der Bürgermeister nur Stellvertretender Vorsitzender werden darf. Thomas Kölle dazu: „Sie könnten aber Tourismus im Blut haben“. Ob ein Magistratsbeschluss die mitgetragenen, satzungsgemäßen Gepflogenheiten eines Vereins per Beschluss aushebeln kann, ist eine andere, bisher nicht erörterte Frage.

Zur bisherigen Nichtbesetzung der im Haushalt verankerten Stadtmanagerstelle und dem Magistratsbeschluss, äußerte sich Magistratsmitglied Burkhard Walz: „Der Verein muss sich - wie jeder andere Verein – selbst organisieren.“ Eine Haltung, die durchaus polarisiert. Engin Eroglu stellte fest: „Die Stadt bekommt 5 Millionen Euro Gewerbesteuer von uns und dafür erwarte ich auch etwas!“ Bereits zuvor hatte er deutlich gemacht: „Es ist ein Verein zum Wohle der Stadt und viele Politiker haben noch nicht verstanden, dass hier die Gewerbetreibenden harte Arbeit leisten!“ Immerhin entstehen hier auch die Arbeitsplätze in der Stadt.

Gewerbe oder Tourismus am Tropf?

Gewerbesteuerzahler gehen der Stadt seit vielen Jahren immer mal wieder von der Stange und das mit dem Hotel für die vielen Touristen, welche die Reformationsstadt anlocken soll, klappt gerade auch nicht. Am Ende wird es egal sein, ob Tourismus oder Gewerbe aus dem Tropf ins Blut gelangt. In einer Zeit, in der die Menschen einen Elektromarkt in der Stadt nur deshalb so vehement fordern, weil sie die Geräte wenigstens einmal anfassen und ihre Farbe begutachten wollen, bevor sie diese dann sowieso im Internet bestellen, bedarf es eines intelligenten Plans, um die Zukunft zu gestalten. Der dürfte gerade ziemlich weit weg sein.

Hilfe ist vom Magistrat nicht zu erwarten. Bürgermeister Pinhard beschränkt sich auf das Praktische - er hat in der Stadtsparkasse eine Mitarbeiterin gefunden, die im Nebenjob die Buchführung machen würde. Verantwortungsbewusstsein, zumindest gestalterisch mitwirken zu wollen und eine Lösung zu finden, existiert entweder nicht oder wird bisher geheim gehalten. Und das Gewerbe? Engin Eroglu zur Situation: „Wir machen unsere Arbeit trotz der Stadt!“ Von den wirklich großen Frequenzbringern in Schwalmstadt war allerdings kein Vertreter anwesend und insgesamt nicht einmal 15 Prozent der Mitglieder. Wenn es zur Auflösung käme, wäre selbst dafür die notwendige Mehrheit nicht in Sicht.

Ein Hoffnungsträger?

Eine Hoffnung besteht. Jörg Möller (Stadtbäckerei Möller) kann es sich vorstellen, aktiv zu werden. Dann würde er aber die Zeit bis zur nächsten Versammlung nutzen wollen, um andere mögliche Vorstandskollegen zur Mitarbeit gewinnen zu können.

Vollständig entlastet werden konnte der bisherige Vorstand nicht, weil es unterschiedliche Versionen über die Abrechnung des Michaelismarktes gibt. Laut Marktmeister Gerold Stiebeling ist die Abrechnung bereits erfolgt, laut Thomas Kölle erst Dienstagmorgen und nicht in einem prüffähigen Zustand. Auch das bleibt bis zur nächsten Sitzung offen. (rs) 

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