Kolumne
DIE KOLUMNE: König Drucken E-Mail
Donnerstag, den 14. September 2017 um 07:17 Uhr

Rainer SanderSCHWALMSTADT. Die Welt ist schon merkwürdig. Oder? In Großbritannien votieren die Bürger gegen die EU-Mitgliedschaft, in der Türkei für einen Präsidenten, der unbedingt in die EU will. Genau der Präsident hasst aber (fast) alle in der EU. In Frankreich wählen die Menschen einen Präsidenten, der erst später überhaupt eine Partei gegründet hat und protestieren gegen ihn, wenn er tut, was er versprochen hat. In Amerika wird ein grober Klotz gewählt, der seine eigenen Wahrheiten schafft und kaum halten kann, was er verspricht, weil alles viel zu teuer ist.

In Syrien hätten die Menschen gerne zum ersten Mal in ihrem Leben gewählt. Seit Assad und der IS und überhaupt alle massenweise Bomben auf die Städte und Dörfer werfen, wünschen sich viele, diesen Wunsch nie gehabt zu haben. Und hier gibt es Menschen, die von den Flüchtlingen erwarten, dass sie zurückgehen und ihr Land verteidigen. Auf welcher Seite denn?

In Nordkorea wissen die (meisten) Menschen überhaupt nicht, dass es so etwas wie Wahlen geben könnte. Die gleichen Leute können sich vielleicht auch nicht vorstellen, dass in Amerika inzwischen ein Großteil der Menschen so übergewichtig ist, wie bei ihnen nur der Präsident.

Wen wählen eigentlich 1,2 Milliarden Afrikaner, von denen ein Großteil nie richtig satt wird? 1,3 Milliarden Inder wählen immerhin einen Präsidenten, obwohl auch dort das Wirtschaftswachstum nicht überall ankommt und die schlauen Köpfen weltweit abgeworben werden. 1,4 Milliarden Chinesen brauchen nicht wählen, jedenfalls nicht zwischen zwei Alternativen. Sie laufen mit Mundschutz durch die großen Städte und mit knurrendem Magen durch die Dörfer. Und 1,6 Milliarden Einwohner in den übrigen asiatischen Ländern arbeiten für einen Hungerlohn, damit wir Hosen für 10 Euro und Markenschuhe für 20 Euro kaufen können. Aber wir werden alles dafür tun, damit das so bleibt und wenn wir übernächsten Sonntag den Teufel persönlich wählen müssten! Wer glaubt, dass die Menschen dort uns und ihren Regierungen dafür dankbar sind?

Knapp 0,8 Milliarden Süd- und Mittelamerikaner möchten die USA mit einer Mauer fernhalten und alle Unternehmen bestrafen, die dort Fabriken und Arbeitsplätze schaffen, statt in den USA. 0,8 Milliarden Europäer dürfen alle paar Jahre wählen und schwanken zwischen Wut und Verzweiflung, weil alles so dramatisch schlecht ist, die Banken schuld sind, die Reichen schuld sind, die Politiker schuld sind, sogar am Wetter, dem eigenen Übergewicht, den Staus auf der Autobahn und daran, dass sie den Müll noch immer alle 14 Tage selbst rausbringen müssen.

Viele wünschen sich inzwischen so etwas, wie einen fürsorgenden König, der für alle sorgt, es mit allen gut meint und vor dem die ganze Welt, die Reichen und die Banken ehrfürchtig kuschen. Der ist aber vor allem selbst so bescheiden, dass er seinen Kleinwagen eigenhändig vor der Drei-Zimmer-Wohnung parkt und Einkäufe mit dem Bus erledigt. Einen solchen Herrscher hat es in Deutschland übrigens nie gegeben und anderswo auch nicht. Und die, die’s am lautesten versprochen haben, haben in schönster Regelmäßigkeit die Welt in Schutt und Asche gelegt. Aber es kommen immer wieder welche, die das Paradies versprechen und sie finden immer wieder welche, die lieber an diese Märchen, als an die Realität glauben.

Es gibt weder einen Gott, noch einen gerechten König, der allen alles Recht macht. Wer das verstanden hat und trotzdem an die Zukunft glaubt, der kann nächste Woche Sonntag beruhigt in die Kirche und vermutlich auch entspannt wählen gehen, selbst wenn auch diesmal wieder kein gütiger und gerechter König auf dem Wahlzettel steht und Gott wieder einmal verkündet: „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott…“ oder „vertraue auf Allah, aber binde dein Kamel an…“

Ihr

Rainer Sander

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