DIE KOLUMNE: Nebenjob Drucken E-Mail
Mittwoch, den 30. August 2017 um 17:13 Uhr

Rainer Sander ©Foto: nh24 | WittkeSCHWALMSTADT. In Deutschen lieben wir es, wenn alles gut geregelt ist. Wir machen Gesetze, die vorausschauend sind und wir haben es nicht so gerne, wenn Dinge passieren, die wir so nicht geplant haben. Es stört auch alles, was den Alltag urplötzlich verändert. Damit uns Spontanes nicht bedroht, schaffen wir gerne enge Regeln, in denen über Ausnahmen nicht einmal nachgedacht werden kann. Und wir sorgen dafür, dass Regeln auch eingehalten werden. Wenn es Behörden und Polizei nicht schaffen, haben wir Kollegen, Nachbarn, Online-Kommentatoren oder Facebook-Polizisten.

Um Arbeitnehmer vor allem Schädlichen zu schützen, genießen wir einen vorbildlichen Arbeitsschutz und Kündigungsschutz. Wir haben Tarifautonomie, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam die Löhne festlegen. Wir haben außerdem Mitbestimmung, Gesundheitsschutz, Berufsgenossenschaft, Jugendarbeitsschutz, den Mindestlohn und sogar die Arbeitszeit perfekt geregelt.

Die Sorge um das Wohl von Arbeitnehmern hat vor ein paar Jahren dazu geführt, dass das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) die tägliche Arbeitszeit gemäß Paragraf 3 auf acht Stunden am Tag begrenzt. Sie kann auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, aber nur wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Es gibt allerdings Ausnahmen: Diejenigen, die besonders fit sein müssen, weil unser Leben davon abhängt, wie Ärzte und Schwestern in den Kliniken und der Notfallversorgung, dürfen – Bereitschaftszeiten inklusive – theoretisch rund um die Uhr arbeiten.

Das ist in einer Zeit, in der eigentlich nichts planbar ist, wir rund um die Uhr einkaufen wollen, auch am Wochenende jeden Service genießen möchten, bei Problemen sofort, zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Lösung erwarten, auch bei plötzlichem Sonnenschein im Café nicht länger als bei Regen auf den Cappuccino warten wollen, so realistisch wie der Glaube daran, dass wir eines Tages wieder Bücher, Fernseher und CDs im Laden kaufen werden, statt sie im Internet zu bestellen.

In Schichtmodellen eines Industriebetriebes oder bei einem Internethändler ist alles kein Problem, in einer Gaststätte mit schwankenden Gästezahlen, im Einzelhandel oder einem Handwerksbetrieb, der Kundenorientiert arbeitet und bei Dienstleistern, die flexibel reagieren müssen, kaum umsetzbar. Es gibt eigentlich nur zwei Lösungen: „Doppelte“ Buchführung bei den Dienstplänen: eine für die Gewerbeaufsicht, eine für die Lohnabrechnung oder mit Minijobs die Mehrarbeit abfangen.

Wenn man die neuesten Statistiken liest, belegen sie einen sprunghaften Anstieg bei den Nebenjobs. 2,7 Millionen Arbeitnehmer, also schon rund fünf Prozent aller Beschäftigten haben einen Nebenjob. Vor 15 Jahren waren das nur 1,2 Millionen. Und da sind die Schwarzarbeiter gar nicht erfasst.

Also diejenigen, für deren Schutz die Begrenzung auf acht Stunden Arbeitszeit gesetzlich geregelt wurde, gehen nach Feierabend auf die Baustelle, putzen abends, Kellnern oder jobben am Wochenende, wenn die Festangestellten das nicht mehr dürfen. Da geht Frau Schulze nach Feierabend in den Betrieb von Herrn Meier und Herr Meier geht in den Betrieb von Frau Schulze, weil beide nach acht Stunden im Hauptjob aufhören müssen, im Nebenjob aber weiterarbeiten dürfen?

So realitätsnah können Gesetze sein…

Ihr

Rainer Sander

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